Frohes Neues

2021 neigt sich dem Ende zu. Und auch wenn sich vom 31.12. auf den 01.01. nicht plötzlich die Welt ändert, sondern eigentlich alles ganz gewöhnlich seinen Gang weitergeht, könnten wir uns ja trotzdem einmal gemeinsam vorstellen, wie es denn wäre, wenn eben genau dies der Fall wäre. Wenn vom 31.12.2021 auf den 01.01.2022 die Welt schlagartig anders werden würde. Von jetzt auf gleich. Wie könnte unsere Welt dann aussehen?

Das erste Mal bemerken könnten wir dieses Ereignis wohl daran, dass wir um 12 Uhr unsere Köpfe gen hellerleuchteten Himmel strecken würden, der ohrenbetäubende Sound, welchen Feuerwerkskörper verursachen, würde von den Laser-Lichtshows am Himmel allerdings nicht verursacht werden. Stattdessen könnten wir das erste Mal die Neujahreswünsche – und träume unserer Freund*innen akustisch verstehen und ihnen zuhören. Gar nicht mal so blöd eigentlich. Oder aber, Menschen feiern um 12 Uhr an Silvester ohnehin zu Musik, sodass dieser Unterschied gar nicht zur Kenntnis genommen wird. Zumindest von diesen Menschen nicht. Die Tiere, welche die Silvesternacht allerdings wesentlich ruhiger überleben, bemerken den Unterschied dafür umso mehr. Im Verlaufe des Abends fällt uns das alles gar nicht mehr so wirklich auf, es wird gefeiert, getanzt oder bereits geschlafen. Alles beim Alten. Doch auch auf dem Rückweg oder beim morgendlichen Spaziergang ist da wieder dieses leise Gefühl da. Irgendwas ist anders, nur ist es noch nicht ganz greifbar. Die Luft draußen ist jedenfalls für den Neujahrestag diesmal ausgesprochen gut – überhaupt nicht verrußt und verraucht. Auch liegt kaum Müll in der Fußgängerzone und den Fahrradstraßen. Während also nach und nach alle Menschen langsam wach werden, hatten vor allem die sonst so überlasteten Pflegekräfte eine überraschend ereignislose Nacht. Es gab diesmal keinerlei Einlieferung wegen starker Verbrennungen und so
hatten sie endlich Zeit um Pausen machen zu können, sich den Patient*innen zu widmen und rechtzeitig Feierabend zu machen. (Und als sie nach Hause kamen konnten sie eine enorme Anhebung des Lohns + Corona-Bonus auf ihrem Konto feststellen, aber das nur am Rande,
eigentlich soll es in diese Text vor allem um Klima und Umwelt gehen).

Das Mittagessen wird wie immer aus dem gemeinschaftlichen Garten eures
Mehrgenerationenhauses, gepaart mit pflanzlicher Kost von den umliegenden Klein-Bauernhöfen zubereitet. Moment. Wie immer? Naja, schmeckt jedenfalls und auch die letzten Reste Müdigkeit aus der Nacht verschwinden langsam. Du weißt nicht so recht, was du mit dem restlichen Tag anfangen sollst, also machst du dir über dein recycletes Handy etwas Musik an und gehst zur nächsten Bushaltestelle, die 50 Meter von deinem Haus entfernt ist, um in den Stadtpark zu fahren, ein bisschen spazieren gehen. Nach gerade einmal fünf Minuten kommt der Bus. Während
du nach dem Einsteigen noch damit beschäftigt bist deine Fahrkarte hervorzukramen, fahrt ihr bereits wieder. Kostenloser ÖPNV? Heute muss dein Glückstag sein. Doch auch als du umsteigen musst, will in der nächsten Linie – von der du vorher noch nie etwas gehört hast – keine*r eine Fahrtkarte sehen. Nicht einmal einen Fahrtkartenautomat kannst du ausfindig machen. Du lässtdeinen Blick über den Wald aus gemeinschaftlichen Häusern mit begrünten Wänden und Solarkollektoren besetzten Dächer schweifen. Die Sonne beginnt langsam ihren Rückzug, wer hätte gedacht, dass deine Umgebung so schön aussehen kann. Als du im Park ankommst wirkt er viel größer als sonst. Generell wirkt alles lebendiger. Einen PKW hast du heute noch nicht in der Stadt gesehen… Während du so durch den Park läufst wird es langsam richtig kalt und es beginnt zu schneien. Die Sonne ist nun gar nicht mehr zu sehen, doch die gelbliche Nachtbeleuchtung versprüht immerhin eine wärmende Atmosphäre. Wieder zu Hause angekommen, merkst du, dass du morgen wieder arbeiten gehst. Doch diesmal schwingt diesem Gedanken kein Groll unter, wie früher so häufig, denn ein Blick auf den Schichtplan sagt dir, dass ja morgen eh nur fünf Stunden Arbeit anstehen.

Natürlich ist vieles davon ein klein bisschen Utopie (und unter der aktuellen Regierung wird ein Großteil davon nicht passieren). Aber manchmal müssen wir auch ein bisschen träumen, um aufzuzeigen, was denn überhaupt alles möglich ist. Und wer sich dieser Träume einer besseren Zukunft nicht schämt, sondern für sie einsteht und für sie kämpft, der wird vielleicht wirklich irgendwann das Glück haben, aufzuwachen und zu merken: „Es ist passiert. Wir habens geschafft!
Wir haben die größte Krise, welcher die Menschheit je entgegentreten musste, bewältigt. Und verdammt noch mal uns geht es sogar besser als davor!“ Vielleicht geschieht so etwas nicht von einer Nacht auf die andere. Aber dieses Wunder ist, wenn wir heute damit anfangen, auch gar nicht nötig.